Archiv für den Monat September 2012

Gehversuche

Zu gehen begann ich im Alter von einem Jahr, erste Schritte machte ich nach neun Monaten. Die allerdings noch an der Hand meiner Mutter. Ab da begannen die „Expeditionen“ zu Fuß, was bestimmt einen ganz neuen Blickwinkel bedeutete – hoch von den Knien und natürlich weg von den reinen Entdeckungsreisen mit den Augen. Ich kann mich tatsächlich nicht mehr daran erinnern.

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Zwei Runden um den Kailash

Die erste Runde um den Berg Kailash, der gleich für mehrere Religionen ein heiliger Berg ist, verlief für den Ich-Erzähler in Christian Krachts Roman „1979“ noch relativ unspektakulär, „reichlich banal“. In drei Tagen wanderte er im Uhrzeigersinn um den Berg herum. Von der ihm vorhergesagten Reinwaschung merkte er nichts.

Die zweite Runde zeigte da schon mehr Wirkung. Die ging er jedoch auch nicht alleine, sondern mit zwölf tibetischen Pilgern. Ob dabei allerdings von Gehen gesprochen werden kann, ist fraglich. Vielmehr umdrehen viele der Pilger den Berg so: Sie lassen sich in voller Körperlänge in den Staub fallen, stehen wieder auf und machen einen Schritt nach vorne. Dann wiederholen sie diese Prozedur so lange, bis sie den Kailash umrundet haben.

Der Ich-Erzähler hatte während dieser Zeit sehr viel Spaß, oft wurde gescherzt und gemeinsam gelacht. Und er erkannte den Sinn der Umrundung. Für ihn lag er in dem Gemeinschaftsgefühl und dem Schaffen einer tiefgehenden Erinnerung.

Was danach passiert, hat mit Gehen nur noch wenig zu tun. Da passt dann eher die Beschreibung des einen Rezensenten auf dem Klappentext: eine Auslöschungsphantasie.

Zum Blogtitel: walk2realize

Den Titel des Blogs „walk2realize“ habe ich aus der Welt der Snowboarder und Skifahrer abgeleitet. Dort las ich zum ersten Mal von climb2ski und climb2ride. Die beiden Begriffe beschreiben eine Einstellung gegenüber dem eigenen Sport und der Natur. Man kann diese Einstellung vielleicht sogar eine Philosophie nennen.

Auf jeden Fall praktizieren climb2ride und climb2ski diejenigen Sportler, die sich nicht mit Hubschraubern auf irgendwelche Gipfel oder mit anderen Hilfsmitteln an entlegene Stellen bringen lassen, um dann durch unberührte Schneehänge abzufahren. Die Anhänger dieser Einstellungen steigen vielmehr selbst auf oder gehen an den Startpunkt ihrer Vorhaben. Eine gute und auch beeindruckende Einstellung, wie ich finde. Damit sind wesentlich mehr Strapazen verbunden – sie drücken so aber auch ihren Respekt gegenüber der Umwelt aus und sehen diese nicht nur als Spaßumgebung an.

Natürlich sind derartige Gedanken auch auf andere Lebensbereiche übertragbar. Oft nutze ich beispielsweise die Bahn oder das Flugzeug, um – oft nur innerhalb Deutschlands – Freunde zu besuchen oder Geschäftsreisen zu tätigen. Mir ist klar, dass Hilfsmittel im Alltag nicht wegzudenken sind, auch ich darauf angewiesen bin. Allerdings will ich auch, ähnlich den beschriebenen Sportlern, der Natur und dem Weg meinen Respekt zollen und suchte nach einer Möglichkeit dafür.

Die Idee ist daher, auch mal längere Wegstrecken zu Fuß zu gehen. Als erstes soll es der Weg von Berlin nach Frankfurt im kommenden Winter werden. Dabei werde ich mich auf die Umwelt und Witterungsumstände einstellen müssen, werde direkt der Natur ausgesetzt sein. Und umso glücklicher werde ich dann hoffentlich sein, wenn ich den Weg schließlich geschafft haben sollte. Vielleicht lerne ich auf dem Weg sogar noch etwas über mich kennen? Walk2realize also.
Die Spannung steigt schon jetzt.

Werner Herzog lief im Winter 1974 von München nach Paris

Ein schönes Büchlein über das Gehen hat der Filmregisseur und Autor Werner Herzog 1978 veröffentlicht. Aus seinem Weg 1974 zur Filmkritikerin Lotte Eisner entspringt das Buch „Vom Gehen im Eis – München-Paris, 23.11. bis 14.12.1974“. Es liest sich leicht und schnell.

Herzog startete damals den Weg zu Fuß, um damit den prognostizierten Tod Eisners hinauszuzögern. Vielleicht wollte er ihn sogar verhindern – so sein Plan. In seiner Vorbemerkung schreibt er außerdem, dass er alleine mit sich sein wollte. Auch wenn er immer wieder Menschen traf, konnte er sein Vorhaben wohl die meiste Zeit über umsetzen. Er begann sogar mit sich selbst zu reden.

Anschaulich  beschreibt er die Strapazen, die solch ein Weg im Winter mit sich bringt. Vor allem der Regen, die Nässe, die im Raum stand, in Verbindung mit Kälte machte Herzog zu schaffen. Umso bemerkenswerter, dass er jeder Versuchung widerstand, das Gehen abzubrechen.

In den drei Wochen legte Herzog hunderte Kilometer zurück, die Luftlinie beträgt immerhin schon über 685 Kilometer. Im Durchschnitt lief er auf jeden Fall über 30 Kilometer am Tag, manche Nacht lief er sogar durch. Als Unterschlupf in der Nacht dienten nicht selten Scheunen, Rohbauten, Ferienhäuschen oder stillgelegte Bahnhäuschen.

Als er in Paris bei Lotte Eisner im Zimmer saß, sagte er dann: „Öffnen Sie das Fenster, seit einigen Tagen kann ich fliegen.“ Eisner lebte noch bis 1983.

Der erste Post: Losgehen.

Fuß vor Fuß und das in ständiger Wiederholung und immer weiter. Darum soll es hier gehen. Denn jeder Schritt ist ein Schritt näher ans Ziel. Was das Ziel ist, sei dabei jedem selbst überlassen, spannend ist letztlich sowieso der Weg. Ganz getreu der Weisheit: Der Weg ist das Ziel.

Denn gibt es überhaupt das Ziel? Oder sind nicht alles nur Zwischenetappen? Das eigentliche Ziel ist wohl das Lebensende und da behaupten ja manche, dass es danach noch weiter geht.

Hier soll es nun aber um das Gehen an sich gehen, die Geschichten, die ich dabei erlebe, die Menschen, denen ich begegne und vielleicht auch darum, – und das wird wohl wohl das Schwierigste werden – zu beschreiben, was beim Gehen in mir passiert.

Also, dann geh ich mal los.