Archiv für den Monat Januar 2013

Kurze Meldung an Tag 6

Gestern sind wir dann noch nach unserem Dönerbuden-Aufenthalt (Bericht dazu folgt) bis 22.00 Uhr gelaufen. Etwa 10 Meter abseits der Straße haben wir uns unter drei mickrige Bäume gelegt und gerazt. Die ganze Nacht hat es durchgeregnet, ein Hund aus dem nahegelegenen Örtchen bellte die Nacht durch.

Heute morgen haben wir frühzeitig alles nass verpackt und sind 7.30 Uhr losgelaufen. Es macht keinen Spaß auf einer ziemlich stark befahrenen Bundesstraße im Dunkeln den Autos entgegen zu laufen. Da ist nichts mit in sich versinken und einfach Fuß vor Fuß setzen. Andauernd muss man konzentriert sein und überlegen, ob die Autofaher einen sehen. Manche, vor allem die großen LKWs weichen auch keinen Zentimeter von der Linie ab. Da heißt es dann, sich zur Seite drehen, um schon nicht deren ganze aufgewirbelte Nässe ins Gesicht zu bekommen. Ich wünsche mir Scheibenwischer für meine Brille.

Als es endlich heller wird, lässt auch der Regen nach. Heute Mittag saßen wir in einem Cafe am Bahnhof Köthen, jetzt in einer Kneipe in Könnern.

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Tag 4: Emotionen

Ich bekomme, was ich mir gewünscht habe: Herausforderung. Glücklicherweise ist der einst ersehnte Winter bisher nicht ausgebrochen – keine Ahnung, was dann wäre. Schon so laufe ich seit drei Tagen klitschnass durch die Gegend.

Und dann beginnt der Tag auch noch nervig. A. ist um sechs Uhr aufgewacht und kann nicht mehr weiterschlafen. Also leuchtet er erst einmal unseren Raum aus, in dem wir schlafen und macht Fotos. Dann putzt er sich die Zähne und das höre ich das Tippen auf seinem Pad-Gerät – ich drehe fast durch. Als er dann noch meint, wir sollten loslaufen, schließlich seien wir zum Laufen hier – der Vormittag ist gelaufen.

Kurz nach acht laufen wir los, schweigend hintereinander. Wir kommen gut voran, allerdings wird es den ganzen Tag nur Landstraße sein, das geht auf die Knie.

An der Grenze von Brandenburg zu Sachsen Anhalt sprechen wir uns endlich aus, trotzdem bleibt es beim ruhigen Laufen heute. Manche Etappen meine ich, bald nicht mehr zu können und abbrechen zu müssen. Dann plötzlich geht es wieder und irgendwo kommt neue Energie her.

Kurz hinter Zerbst/Anhalt wollen wir über die Elbe. Schon in Dobritz bekommen wir jedoch den Hinweis, dass es vielleicht mit der Fähre nichts werden könnte, wegen Hochwassers. In dem Örtchen gibt es auch tatsächlich noch einen kleinen Tante-Emma-Laden wo wir uns mit Wasser versorgen.

Es geht weiter, Strecke machen. Irgendwo auf der Straße, mitten im Wald, stoppt ein Lieferwagen, setzt zurück und der Fahrer fragt: „Soll ich euch nach Zerbst mitnehmen?“ Ich antworte: „Danke, wir laufen.“ Eigentlich doof, wo mir doch alles weh tut, denke ich kurz danach. Und ich frage mich: Hätte ich auch so geantwortet, wenn ich alleine unterwegs gewesen wäre. Bestimmt, so schnell wie meine Antwort kam.

In Zerbst recke ich die Hände in die Luft. Finde es später auch nicht so wahnsinnig schlimm, dass die Fähre tatsächlich seit mittags nicht mehr fährt. Laufen wir halt nach Dessau. Doch das wird erst morgen der Fall sein, bis dahin sind noch 12 Stunden Zeit. Wir wärmen uns in einer Bäckerei auf, ich decke mich mit Wundsalben und Verbandsmaterial ein, im Supermarkt holen wir zwei Bier und dann wanken wir in unsere Pension. Gerade ist alles gut. Es ist warm und die Vermieterin hat uns im Flur den Ofen angemacht, damit wir unsere Klamotten trocknen können. Bald soll es kälter werden.

Tag 3

Die ganze Nacht hat es geregnet, auch morgens hört es nicht auf. Ich habe gut geschlafen, die Schenel schmerzen aber noch immer. Wieso denke ich gleichzeitig an gebratene Hähnchenschenkel? A. hat glücklicherweise Verbandsmaterial mit. Die Wundsalbe habe ich zu Hause gelassen, mit derartigen Problemen hatte ich nicht gerechnet. Grippemittel und andere Tabletten habe ich hingegen zu Hauf dabei.

Durch den Regen laufen wir bis nach Bad Belzig, immer auf dem weißen Randstreifen der Straße. Bei einem Bäcker trinken wir Kaffee und heiße Schokolade. Ich rufe endlich mal Rin an.

Als wir weiterlaufen, rät uns ein Mann, den Künstlerweg zu nehmen, der sei viel schöner. Auf der Straße wären es zwei Sunden gewesen, zehn Kilometer. Doch er überzeugt uns. Nach drei Stunden laufen sind es immer noch fünf Kilometer. Nun gut, Kilometermäßig war der Tag im wahrsten sinne für die Füße. Aber der Weg war tatsächlich schön. Und zum ersten Mal laufen wir durch hügeliges Gelände.

Da ich noch auf eine warme Mahlzeit bestehe, machen wir dann noch einmal einen Umweg von drei Kilometern. Ich mache Tempo, um A. das Gefühl zu geben, der Weg sei überhaupt nicht so lang. Die Maronensuppe mit leichtem Chiliöl und das Schnitzel Milanese sind vorzüglich.

Um18.45 Uhr brechen wir wieder auf und laufen noch bis kurz 21 Uhr. Das Laufen in der Dunkelheit hat seinen ganz eigenen Reiz. In den stillgelegten Reetzerhütten bei Reetz packen wir in einem staubigen Raum unsere Schlafsäcke aus. Morgen soll es mal wieder eine Pension werdn. Und die Wunden sind natürlich nicht verheilt. Morgen geht es erst einmal zu einer Apotheke.

Etappe 2

Um 9 Uhr starten wir. Erst entlang eines Sees, dann in den Wald. Kleine Siedlungen, die nur über Sandstraßen erreichbar sind, so wie seit Jahrzehnten. Endlose Längen Weg, folgen neue endlose Längen. Immer wieder ein neuer Horizont, immer wieder ein neues Ziel. Ich schaue gerne einfach auf die nächsten Schritte, dann erreicht man die Kurven viel schneller. Teilweise geht heute jeder sein eigenes Tempo, manchmal sehe ich uns aber auch als die zwei Psychos aus Fargo. Die Haarfarben der beiden geben Aufschluss darüber, wer von uns beiden wer ist, sind aber nicht das Charakteristikum, das ich meine. Gefühlte Ewigkeiten begegnen wir niemandem.

Die Stunden fliegen nur so dahin, die Kilometer ziehen sich hingegen. Nach jeder Pause dauert es gute fünf Minuten bis wir wieder Tritt fassen, die Beine scheinen steif, die Füße schmerzen. Abends sehe ich dann auch warum: an der linken Ferse suppen die Blasen. Und die Innenseiten der Schenkel bluten – habe ich mir wohl einen Wolf gelaufen.

Die Orte ziehen sich auch. Manchmal dauert es über eine Stunde bis wir sie durchquert haben. So war es zum Beispiel in Brück. Dort aßen wir auch zu Abend. Direkt neben dem Tisch flackert ein offener Kamin. Sehr schön. An der Theke geht es wieder um das Thema Arbeit, genauso wie mittags in Beelitz beim Bäcker. Nach dem Essen dann noch der Einkauf von Proviant für Sonntag.

Wir laufen noch etwa zwei Stunden, suchen ein leerstehendes oder verlassenes Gebäude für die Übernachtung. Um 19 Uhr stapfen wir einfach in den Wald, packen Schlafsack und Biwak aus. A. beginnt nun auch, Tagebuch zu schreiben, ich überlege, wie ich die Oberschenkel gekühlt bekomme beziehungsweise, wie ich so schmerzlos bekomme, dass ich locker witerlaufen kann.

Schlafe schnell ein, wache aber auch schnell wieder auf. Nachts gibt es im nächsten Ort Feuerarlarm. A. spricht von Fliegeralarm. Ich glaube es, ohne es zu hinterfragen. Wer weiß schon … Dann dauert es einige Zeit, aber es kommen tatsächlich noch Sirenen.

1. Etappe: Von Berlin-Neukölln nach Fresdorf

Wir starten um 8 Uhr von meiner Wohnung. Eine Stunde später befinden wir uns noch immer in vertrautem Gelände, haben gerade das Tempelhofer Feld diagonal gekreuzt. Auf dem Tempelhofer Damm dann verpassen wir zum ersten Mal eine geplante Abzweigung. Ist allerdings nicht allzu schlimm, wir kommen ohne große Umwege auf unsere Route zurück.

Um kurz nach 12 beginnt es zu regnen. Es stellt sich schnell heraus, dass mein Rucksack nicht mehr wasserdicht ist.

Kilometerlang laufen wir Ausfallstraßen aus Berlin in Richtung Südwesten. Ich dachte, dort sei es belebter. Ich glaube es war Güterfelde, wo wir eine Stunde Pause machen. Schnitzel aus der Fritöse, Spezi und Kaffee. Am Nachbartisch unterhält sich ein Paar mit einem Freund über Arbeitslosigkeit und Hartz IV. Außerdem geht es um neue Vorsätze im neuen Jahr. Der eine will mit Joggen beginnen. Als sein Kollege ihm vorschlägt, abends zum Handball mitzukommen, lehnt er ab. Er wolle langsam starten.

Um 16.30 Uhr wird es dunkel. Wir bleiben auf der Straße. In Phillipstal fragen wir ein junges Mädchen auf Rad und mit Hund, wie es am schnellsten nach Beelitz gehe.Sie lacht.

A. geht vor, er hat ein rotes Blinklicht dabei, dass uns sichtbar machen soll. In Tremsdorf machen wir 30 Minuten Pause an einer Bushaltestelle bis wir denken, zu kalt zu werden. In Fresdorf schließlich nehmen wir uns ein Zimmer in einer Frühstückspension. Im Raum steigt rapide die Luftfeuchtigkeit wegen der nassen Klamotten.Die Weinstube des Ortes hat bereits um 20.30 Uhr zu. Im Kühlschrank der Pension gibt es Bier. Google Maps meint, wir wären auch auf kürzerem Weg hierher gekommen. A. schnarcht nach 30 Sekunden. Na toll.

Noch 2x schlafen

Diese letzte Nacht habe ich schlecht geschlafen. Im Grunde habe ich für die Wanderung alles beisammen, nur noch einige Kleinigkeiten fehlen, wenige Dinge, die zu erledigen sind. Und ich muss noch zwei Tage arbeiten, einen Text für einen Kunden fertigstellen.
A. ist bereits seit dem Abend des 30.12. in Berlin. Er hat alles beisammen, sein gepackter Rucksack steht zugeschnürt in der Wohnung. Kein Wunder, dass er am liebsten schon gestern losgelaufen wäre. Dadurch schwebt gerade eine noch größere Unruhe in der Luft – A. muss die Zeit aussitzen und sich irgendwie beschäftigen. Ich hingegen habe ein geschäftiges Treiben, um Alltagsfrei am Freitag starten zu können.
Hoffe, das Angebot Berlins reicht ihm zur Zerstreuung. Aber jetzt dauert es ja nicht mehr lange: noch zweimal schlafen.