Auf dem Gipfel des Großvenedigers

Die letzten anderthalb Wochen habe ich viel erlebt, hier aber schon einmal das Highlight: Trotz täglichen Schneefalls in der letzten Woche erreichten wir am Donnerstag (27.06.2013) den Gipfel des Großvenedigers (3.657 Meter) von der Johannishütte (2.121 Meter) aus in 5 3/4 Stunden.

Um vier Uhr in der Früh hatten wir gefrühstückt, um fünf waren wir dann aufgebrochen, etwas müde, da zumindest ich wegen ein wenig Aufregung nicht besonders gut geschlafen hatte. Ich glaube aber, dass es meinen Begleiterinnen und Begleitern ähnlich ging. Da hatten auch die zwei Gläser Rotwein am Vorabend wenig gebracht, die wir uns zur Schlafunterstützung gegönnt hatten. Bereits um drei Uhr stapften die ersten von uns durch das Matrazenlager und überprüften ein weiteres Mal ihre Ausrüstung.

Es kam uns aber zu Gute, dass wir den Weg am Vortag zumindest bis zum Defreggerhaus (2.963 Meter) gespurt hatten. Phasenweise sanken wir zwar noch immer bis zum Oberschenkel ein, doch um acht Uhr hatten wir das Zwischenziel erreicht und machten eine etwa 30-minütige Pause, in der wir noch eine Keinigkeit aßen, warmen Tee tranken und die Gurte anlegten. Diese hatten wir mitsamt der Seile ebenfalls am Vortag hochgetragen und im Winterraum der Hütte deponiert.

Von dort ging es weiter aufwärts. Ebenfalls ausgezahlt hatte es sich jetzt, dass unser Bergführer den Großvenediger einen Tag nach vorne gezogen hatte – eigentlich hatten wir ihn erst für Freitag auf dem Plan und stattdessen die 3.155 Meter hohe Kreuzspitze auf dem Programm gehabt. Doch die Prognose stimmte: Der Himmel war klar und in der ersten Hälfte hatten wir einen wunderbaren Sonnenaufgang – auch wenn wir uns drehen mussten, um ihn genießen bzw. überhaupt sehen zu können.

Christine, ich, Karina, Ulli und Elisabeth (v.l.)

Christine, ich, Karina, Ulli und Elisabeth (v.l.)

100 Meter über dem Defreggerhaus ziehen wir schließlich unsere Steigeisen an und betreten den Gletscher, der auch Mullwitzkees genannt wird. Wir sind die erste Seilschaft, die an diesem Morgen unterwegs ist, sodass es wieder Spuren heißt. Die meiste Arbeit hat dabei natürlich der Bergführer, doch nicht immer ist die Spur dahinter direkt so fest, dass von Treppensteigen gesprochen werden kann.

Mir macht etwas später auch ein wenig die nun dünnere Luft zu schaffen. Berlin ist da nicht die optimale Gegend für eine Vorbereitung. Mit Konzentration gelingt es mir aber irgendwann, von der Schnappatmung wegzukommen und tief durch die Nase ein- und den Mund auszuatmen.

Spannend ist auch mal wieder zu erkennen, wie sich die Wege im Schnee in die Länge ziehen. Für Strecken, die sehr nahe wirken, braucht man gefühlt kleine Ewigkeiten. Spalten haben wir aber glücklicherweise keine. Der Schnee hat sie zugeschneit, sie liegen wohl auch weiter unten im Hang.

Kurz unter dem Gipfelgrat legen wir schließlich unsere Rucksäcke und Stöcke ab, nehmen stattdessen die Eispickel und trinken noch einmal Tee. Jetzt geht alles ganz schnell. Den Grat, eine vielleicht 20 Meter lange schmale Passage, auf die aber immerhin beide Füße nebeneinander passen, laufen wir alle konzentriert entlang und erlangen schließlich um 10.45 Uhr den Gipfel. Das Kreuz liegt westlich gelegen unter uns. Daneben hat sich durch Wind und Schnee noch einmal eine Erhöhung gebildet, auf der wir nun die Aussicht und Ruhe genießen. – Und natürlich wir auch Fotos. Die Hohen Tauern liegen vor uns, es ist prächtig, einen so freien Blick zu haben.

(Das Video ist nicht von uns, gezeigt werden darin aber ganz gut die letzten Meter zum Gipfelkreuz. Anders als der Kameramann habe ich beim Begehen des Grats nicht nach links und rechts geschaut, nur konzentriert auf meine Füße und die meines Vordermanns)

Als wir wieder bei uns unseren Rucksäcken sind, kommen die nächsten Gruppen an. Da hatten wir Glück, dass wir den Gipfel gerade noch für uns hatten.

Es geht zurück. Nachdem wir den Gletscher schließlich wieder verlassen haben, lassen wir uns Zeit. Die Beine sind etwas müde, das mitgenommene Wasser ist aufgebraucht. Also spazieren wir in zwei Gruppen nun in Richtung Johannishütte, die ich schließlich um 15 Uhr erreiche. Alle haben den Ausflug heil und gut überstanden – alles bestens also. Die nächste Nacht habe ich dann übrigens hervorragend geschlafen.

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