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Von dem einen Bad ins andere – der Tag der Tage

Es war der 12. Januar, der neunte Tag unserer Wanderung. Und vielleicht der Schönste. Das Wetter stimmte, die Route passte und die Ortschaften mit allerhand Fachwerk lagen idyllisch in all das eingebettet.

keine Ahnung, wann auf diesem mit Maulwurfshügeln übersäten Sportplatz in Seega zum letzten Mal Fußball gespielt wurde

keine Ahnung, wann auf diesem mit Maulwurfshügeln übersäten Sportplatz in Seega zum letzten Mal Fußball gespielt wurde

Wir starten zwar etwas später als üblich, erst um 10.30 Uhr machten wir uns tatsächlich auf den Weg. Dafür hatten wir zu diesem Zeitpunkt schon einiges erledigt. Wir hatten ausgiebig gefrühstückt, A. hatte überschüssiges Gepäck verpackt und verschickt und in einem der Supermärkte von Bad Frankenhausen hatten wir uns mit neuem Proviant eingedeckt.

Der Gastwirt unserer letzten Pension hatte uns erzählt, dass ein großer Wirtschaftsfaktor des Städtchens die Bundeswehr ist. In der Kyffhäuser Kaserne wären Panzerbataillone (?) stationiert, die dort auf einem riesigen Gelände ihre Übungen abhalten würden. Nachmittags, so ab 16 Uhr, würden die Soldaten dann in die Stadt kommen. Sie würden einkaufen und Imbisse besuchen – viele Geschäftsleute und Ladeninhaber seien von ihnen wirtschaftlich abhängig. Daher sei man froh, dass der Standort 2011 nicht auf der Streichliste des Bundesverteidigungsministeriums gestanden habe.

Skeptisch äußerste sich der Wirt hingegen zum „Bad“ im Stadtnamen. Auf das könne man seiner Meinung nach getrost verzichten. Die Anstrengungen, die Auszeichnung zu halten, würden nur Geld kosten, das man sinnvoller investieren könne. Dabei sei die Therme überhaupt nicht schlecht. Genauso solle man mal über die finanziellen Mittel nachdenken, die in den sich immer weiter neigenden Oberkirchturm flössen, der inzwischen zum Wahrzeichen der Stadt geworden ist. „Ist das wirklich nötig?“, fragte er.

Kurz nach dem Loslaufen wurden wir zum ersten Mal mit Hügeln konfrontiert. Die Luft war kalt, aber die Sonne wärmte uns. Wir trafen einen Jäger. Von dessen Hochstand lag keine 15 Meter entfernt ein totes Wildschwein auf dem Feld. Der Mann in der grünen Kleidung erzählte uns, dass die Tiere eine Plage für die Bauern seien. Da A. ebenfalls Jäger ist, konnten die beiden ihr Fachgespräch über Jagdzeiten, Tierplagen sowie über Rot-, Schwarz-, Gold- und Blautier führen…

Durch Wälder suchten wir uns unsere eigenen Wege und kamen dabei einer anderen Jagdgruppe nahe. Es vielen mehrere Schüsse. Und es ist schon ein wenig komisch, wenn man nicht genau weiß, wo sich die Jäger gerade befinden bzw. wen oder was sie gerade ins Korn nehmen. In meiner Vorstellung haben die sich beim Warten auf Wild sowieso schon den ein oder anderen genehmigt.

Ich sag nur: Pause

Ich sag nur: Pause

Wir pausierten in der Sonne, genossen einen weiten Blick. Ich machte auf der Isomatte einen 20-minütigen Powernap und wachte auf, weil mir eine kleine Wolke die Strahlen stahl. Vielleicht lag die Schönheit des Tages auch mit darin begründet, dass das Wandern normal geworden war – mir kam es so vor, als würden wir uns in dem Zustand schon länger befinden. Und eigentlich wäre es nicht schlecht, ihn auch noch viel länger aufrecht zu erhalten. In Niederbösa konnte ich mir vorstellen, zumindest ein Ferienhäuschen zu haben.

Wir liefen die wunderschöne und gepflasterte Niedertopfstedter Straße entlang – eine echte Via, die es tatsächlich verdient hätte, zur Deutschen Alleenstraße zu gehören – nicht wie so viele andere, die wir sahen und an deren Rand kilometerweit kein Baum zu sehen war.

vom Stadion in Bad Tennstedt habe ich nicht viel gesehen

vom Stadion in Bad Tennstedt habe ich abends nicht mehr viel gesehen

Abends, vielleicht so gegen 22 Uhr, kamen wir in Bad Tennstedt an. Unter einer Fußgängerbrücke im Kurpark machten wir es uns bequem und richteten uns für die Nacht ein.

Dartspiel in Ickstedt

Während meiner Kindheit und Jugend bewohnte ich mit einem meiner Brüder den Dachboden im elterlichen Haus. Wir hatten dort unser Reich: unsere beiden Zimmer, ein Bad und einen eigenen Flur, der ausreichend Raum für allerhand Aufbauten bot. Legowelten, Fischertechnik- und Kosmos-Baukasten-Gefrickel oder eine elektrische Eisenbahn. H0. Die war allerdings eher Hobby unseres Opas, der stundenlang an Schaltkreisen und Verkabelungen bastelte, die unter der Berglandschaft entlang gezogen werden mussten. Wir waren dann mehr für die Karambolagen verantwortlich.

Irgendwann hing dort im Flur auch eine Dartscheibe, die wir geschenkt bekommen hatten. Schon damals fragte ich mich, was wohl den Reiz dieses Spiels oder Sports ausmacht. Okay, wir haben die Pfeile auch geschmissen – und das nicht nur in Richtung der schwarz-gelben Holzscheibe mit aufgezogenem Metallgitter. Es ging aber immer nur darum, wer näher an den roten Punkt in der Mitte kommt. Und immer hatte ich schnell den Spaß daran verloren.

Bis heute finde ich keinen Zugang dazu. Dabei kann ich in Spartenprogrammen stundenlang allerhand Randsportsportarten zusehen. Nur Dart geht nicht. Die einzige Faszination liegt für mich in der Faszination der Fans dieses Geschicklichkeitsports – gefüllte Hallen, tausende Menschen, die gespannt nach vorne blicken. Selbst eines der großen Online-Portale berichtet die Woche vor unserer Wanderung von der Dart-WM, und stellte seine Stars bzw. Hauptprotagonisten vor. Am 1. Januar wurde das Finale ausgespielt – „Jung vs. Erfahrung“ war das Motto. Die Erfahrung siegte und ging mit 200.000 Pfund nach Hause.

An all das erinnerte ich mich, als wir in Ickstedt in der Gaststätte saßen. die uns in Borxleben empfohlen worden war. Die zweieinhalb Kilometer zwischen den beiden Ortschaften hatten wir schnell zurücklegt – allerdings machte das Lokal dann dort erst um 17 Uhr auf, so dass wir noch gut 25 Minuten davor warteten. Aßen wir halt unsere Vorräte. Und ich freute mich, gleich ins Warme zu kommen.

Wir waren die ersten Gäste und bestellten erst einmal Kaffee. Kuchen gab es keinen. Der Gastraum war groß, gefliest und holzvertäfelt. Unweit der Theke stand der größte Tisch. Er war rund und hatte in der Mitte einen riesigen Aschenbecher stehen. So einen, dessen Griff mit der Schmiedekunst „Stammtisch“ versehen war. Die stehen noch in vielen gemütlichen Kneipen.

Als ein Fahrradfahrer draußen zu sehen war, zapfte der Wirt schnell ein Bier und stellte es auf den Stammtisch. Nur keine Zeit verlieren. Der hereinkommenden Mann klopfte unseren Tisch ab, begrüßte den Wirt mit Handschlag und stellte ein kleines Köfferchen ab, aus dem er goldfarbene Dartpfeile holte. Die Prozedur wiederholte sich genauso beim nächsten Gast. Allerdings hatte der keinen Koffer dabei.

Und dann begannen die drei, Dartpfeile zu werfen. Langsam, gemütlich und sich unterhaltend. Mit Konzentration beim Wurf. Man zählte von irgendeiner Zahl rückwärts. Wer als erstes bei Null angelangt war, hatte gewonnen. Die elektronische Dartscheibe zählte automatisch runter. Was soll ich sagen? Der Funke sprang nicht zu mir über. Aber ich erfreute mich daran, den Moment zu erleben.

Beim Aufbruch war es dunkel. So sahen wir das Günther-Denkmal nicht mehr. Wir liefen über Udersleben mit seinem SSV 1923 Udersleben e.V. und dann den Kyffhäuser Weg entlang, vorbei am sich  in die Länge ziehenden Flugplatz Bad Frankenhausen. Wir passierten das Panorama Museum , wo Werner Tübkes Bauernkriegspanorma zu sehen ist und kamen ins ausgestorben wirkende Bad Frankenhausen.

Borxleben

Und wieder ist eine Grenze erreicht: Mit Borxleben hatten wir Thüringen erreicht und Sachsen-Anhalt hinter uns gelassen. Das nächste Bundesland würde dann bereits Hessen sein, wir kamen der Heimat näher.

Als wir ins kleine Borxleben kamen, laut dem Thüringischen Landesamt für Statistik zählte das Örtchen Ende 2011 etwa 300 Einwohner, war ich nicht nur von der Schönheit des Sportplatzes fasziniert, an den sich private Gärten schmiegten, wir wurden auch außerordentlich gastfreundlich empfangen.

Borxlebener SV 1990

Als wir am Vereinshaus des Borxlebener SV 1990 stehenblieben, damit ich meine Fotos machen konnte, fuhr aus der gegenüberliegenden Ausfahrt gerade ein Mann, der neben mir mit seinem Auto abbremste, um zu erfahren, woher wir kämen und wohin wir wollten. Den Knauf seines Schaltknüppels hatte er mit einem Fußball verziert, den er während unseres Gesprächs mit dem Daumen streichelte.

Es war Zeit für unsere obligatorische Pause und so fragte ich ihn, ob es in dem Ort eine Gaststätte gebe. Wenn das Vereinsheim nicht gerade renoviert worden wäre, hätten wir dort einkehren können.Aber es gebe noch einen Gasthof, der bereits geöffnet habe, dort würde es sogar Kuchen geben und er sei nur fünf Minuten entfernt. Perfekt!

Borxlebener SV 1990

Wir wünschten uns gegenseitig alles Gute, ich machte Bilder und der Mann fuhr davon. Als wir im Ortskern ankamen, hielt er wieder neben uns: Er sei schon einmal hingefahren, leider habe sie geschlossen, die Gatstätte. Es gebe aber in Ickstedt, dem Nachbarort, ein Lokal, das bereits um 16.30 Uhr geöffnet habe. „Steigt ein, ich fahr euch gerade rüber“, so sein Angebot.

Wir mussten ablehnen. Die Gründe konnte der Mann gut verstehen. Er meinte allerdings auch, dass ihm abends in der Kneipe wahrscheinlich niemand glauben wird, wenn er erzählt, dass er zwei Typen getroffen hat, die von Berlin nach Frankfurt laufen.

Edersleben

Hm, zu Edersleben habe ich kaum Erinnerungen. Was ich ein wenig schade finde. Immerhin wurde der Ort erstmals 786 als Edieslebo urkundlich erwähnt. Und 1930 wurde dort laut wikipedia – dachte, ich könnte meine Gedächtnis darüber zu Erinnerungen anregen – das Skelett eines 475.000 Jahre alten Mammuts entdeckt. Das kann man sich heute im Spengler-Museum von Sangerhausen ansehen. 1952 eröffnet, gilt es als das erste zu DDR-Zeiten erbaute Museum.

Ja nun, dunkel erinnere ich mich an Straßennamen. So kamen wir über die Karl-Marx-Straße nach Edersleben reingelaufen. Rechts bogen wir ab in die Karl-Liebknecht-Straße. Weiter hinter ging es auf den Friedrich-Engels Berg. Im Ort gibt es außerdem noch eine Ernst-Thälmann-, eine Walter-Rathenau- und eine Dr.-Külz-Straße. Ein politisches Statement des Ortes?

In der Karl-Liebknecht-Straße wurde ich übrigens meinen Müll der letzten Pause los, den ich nun schon mehrere Kilometer in der Hand mit mir spazieren trug. Wie wenig Mülltonnen es auf dem Land gibt. Die Mülltonne, die ich fand, war übrigens voll mit leeren, kleinen Kornflaschen, Kurzen also.

Und ein Bauer, der gerade um das Eck seines in der Dorfmitte liegenden Hofes lief, unterhielt sich kurz mit uns, erklärte, wie wir am besten weiterlaufen sollten. Es war eine freundliche Begegnung.

Das war es. Es hilft nichts, ansonsten bleibt alleine das Bild des Sportplatzes des TSV 1885 Edersleben übrig. Der lag direkt am Ortseingang.

TSV 1885 Edersleben

Oberröblingen

In Riestedt wollte erst niemand mit uns sprechen. Die erste Frau, die wir ansprachen, drehte sich einfach um und verschwand im Haus. Bei den nächsten war es nicht so anders. Schließlich fanden wir doch eine Gruppe von vier Leuten, von denen uns einer sehr genau Auskunft geben konnte und erklärte, wo wir in dem Ort abzubiegen hätten, um sowohl die Umgehungsstraße als auch die Bahnlinie problemlos zu überqueren.

Das Besondere am Bahnübergang war, dass man seinen Wunsch, die Schienen zu überqueren, anmelden musste. Wir sollten rufen oder aber am Bahnhäuschen klingeln. Da schönes Wetter war und das Fenster zum Schalter- oder Kontrollraum offen stand, rief ich. Die Dienst habende Frau erklärte uns, wir müssten kurz warten, gleich komme ein Zug. Daraufhin öffnete sie die Schranken.

Rückblick auf den Bahnübergang zwischen Riestedt und Oberröblingen

Rückblick auf den Bahnübergang zwischen Riestedt und Oberröblingen

Direkt unter einer Brücke der A38 machten wir Pause. Es wunderte mich, wie ruhig es dort war. Obwohl die Autos und Lastwagen direkt über uns hinwegbrausten – wir waren direkt unter die Fahrbahn gestiegen. Unten konnten wir das Treiben der städtischen Entsorgungsbetriebe beobachten und wir fragten uns, ob dort alles mit rechten Dingen zugeht.

VfB Oberröblingen e.V.

VfB Oberröblingen e.V.

So kamen wir nach Oberröblingen, wo der VfB Oberröblingen e.V. zu Hause ist.

VfB Oberröblingen e.V.

Der Sportplatz des VfB Oberröblingen e.V., einige Kilometer weiter hinten geht ein Regenschauer runter

Blankenheim

Am Abend zuvor hatten wir in einer unsäglich schlechten Dönerbude in der Lutherstadt Eisleben Pizza gegessen. Eines meiner Lieblingsgerichte war durch haufenweise Gouda verhunzt werden, der mir daraufhin schwer im Magen lag. Während wir in dem Imbiss gesessen hatten und wenigstens das Hungergefühl vertrieben haben, hatte es angefangen zu schneien.

Bald würden wir Sangerhausen passieren. An der Stelle hat man etwa die Hälfte des Weges von Frankfurt am Main nach Berlin hinter sich – reist man mit Regionalzügen. Am Bahnhof Sangerhausen muss man auf diesem Weg dann umsteigen – es ist einer der leblosesten Bahnhöfe, die ich je gesehen habe.

Als wir vor Silvester mit der Bahn nach Berlin fuhren, mussten hier einige Reisende zurückbleiben, da sie nicht mehr in den aus zwei Wagons bestehenden Zug passten, der von dort aus weiterfuhr. Alle anderen hatten sich auf Sitze, die Gänge und Gepäckablagen gequetscht und durchlebten herzliche und lustige sowie mit Klettereinlagen garnierte zwei Stunden. Nächster Halt und Umsteigepunkt des Zuges in dann Magdeburg.

BSC Blankenheim 1920

Nun, wir würden nicht durch Sangerhausen kommen, sondern leicht südlich daran vorbei laufen. Doch bevor wir die Straße nach Sangerhausen verließen, kamen wir durch Blankenheim, die Heimat des BSC Blankenheim 1920.

BSC Blankenheim 1920