Archiv der Kategorie: Geher

Unglaublich

Als ich am Wochenende zum ersten Mal von diesem Vorhaben, der Goliath Expedition von Karl Bushby, hörte, dachte ich nur: Krass! Viel mehr schoss mir im ersten Moment tatsächlich nicht durch den Kopf. Ich war sprachlos als ich die Karte vor mir sah.

Inzwischen hat sich das etwas relativiert, da Bushby das Projekt immer mal wieder unterbrach. Ohne diese Unterbrechungen hätte ich mir die lange Dauer der bisherigen Wanderung auch nicht wirklich erklären können. 1998 ist er nämlich in Punta Arenas, Chile, gestartet. C.W. und G.S., Ihr erinnert Euch sicher, da waren wir auch gewesen?

Bis heute hatte ich vor allem eine Erklärung für die bisherigen 15 Jahre:  Bushby blieb längere Zeiten an manchen Orten, um sich sein Weiterkommen zu finanzieren. Dem war aber wohl nicht so, auch wenn ihm manche Zeit finanzielle Mittel fehlten, wie es auf wikipedia heißt.

Trotzdem ist die bisher gelaufene Distanz gigantisch – und vieles kommt ja noch. Was bei seiner Wanderung auch deutlich wird, ist das Problem mit den 90-Tage-Visa der Russen. Da hat man wohl kaum Chancen, eine Sondergenehmigung zu erhalten. Das ist echt ein enormes Hindernis – und im Grunde unverständlich.

Hier die Webseite zum Projekt Odyssey XXI: http://www.odysseyxxi.com/. Und danke an T.M. für den Hinweis auf das Vorhaben.

Advertisements

Eine Stunde Reinhold Messner

Am Dienstag war Reinhold Messner zu Gast bei Markus Lanz (momentan noch in der Mediathek des ZDF zu sehen). Er erzählte dabei nicht nur von seinen bewältigten Expeditionen, sondern auch von Gefühlen, die einem in Extremsituationen begegnen.

Lanz ist als Frager zwar kaum zu ertragen (lassen Sie Ihre Interviewpartner doch mal bitte ausreden), die Antworten sind umso interessanter, vor allem da er sich nicht auf „unterstellte“ Definitionen des Interviewers einlässt, sondern darauf beharrt, seine Sicht der Dinge der Dinge widerzugeben. Natürlich ist es nicht einfach, Gefühle zu beschreiben.

Das Gefühl der Wiedergeburt, nachdem man aus extremen Situationen zurückkommt, Radikalität im Vorgehen, Fehler, Halluzinationen, Aggressionen und Tod waren Themen. Vor allem auch der Unterschied zwischen Sinn- und Nutzlosigkeit. Sinn macht sich jeder selbst, der Nutzen ist nicht bei allen Aktivitäten erkennbar. „Seinen Weg zu finden, ist die Kunst.“

Die Phantasie in Gang bringen

Dass die Phantasie im Laufen angeregt wird, habe ich schon oft erlebt. Während meines Studiums hatte ich immer einen Weg von etwa 30 Minuten zu laufen, um in die Uni zu kommen. Damals kaufte ich mir mein erstes Diktiergerät, um die Gedanken festzuhalten, die mir auf dem Weg kamen. Kaum hatte ich das Gerät in der Tasche, wurde der Gedankenfluss jedoch unterbrochen – ich wollte wohl nur noch für das Gerät gehen und denken. Blockade.

Inzwischen bin ich dazu übergangen, die Gedanken nach dem Gehen aufzuschreiben – manchmal zumindest. Das funktioniert besser. Oder ich mache auf dem Weg eine Pause, um sie schnell zu notieren. Das vor allem dann, wenn sie tatsächlich gut sind.

Auch mein Lieblingsautor Philip Roth spricht in dem schönen und nahen TV-Porträt „Philip Roth, ohne Beschwerden“ von der italienischen Journalistin Livia Manera und dem in Frankreich lebendem Fotografen, Autor und Regisseur William Karel davon, wie das Gehen auf ihn wirkt. Er sagt in dem 2011 gedrehten Film: „Ich schrieb im Stehen und stellte fest, dass mein Kopf im Stehen freier war. Und dass ich umher gehen kann, wenn ich in einer Passage nicht weiterkomme. Wenn man geht, kommt die Phantasie, und die habe ich ja, ebenfalls im Gang.“

Zwei Runden um den Kailash

Die erste Runde um den Berg Kailash, der gleich für mehrere Religionen ein heiliger Berg ist, verlief für den Ich-Erzähler in Christian Krachts Roman „1979“ noch relativ unspektakulär, „reichlich banal“. In drei Tagen wanderte er im Uhrzeigersinn um den Berg herum. Von der ihm vorhergesagten Reinwaschung merkte er nichts.

Die zweite Runde zeigte da schon mehr Wirkung. Die ging er jedoch auch nicht alleine, sondern mit zwölf tibetischen Pilgern. Ob dabei allerdings von Gehen gesprochen werden kann, ist fraglich. Vielmehr umdrehen viele der Pilger den Berg so: Sie lassen sich in voller Körperlänge in den Staub fallen, stehen wieder auf und machen einen Schritt nach vorne. Dann wiederholen sie diese Prozedur so lange, bis sie den Kailash umrundet haben.

Der Ich-Erzähler hatte während dieser Zeit sehr viel Spaß, oft wurde gescherzt und gemeinsam gelacht. Und er erkannte den Sinn der Umrundung. Für ihn lag er in dem Gemeinschaftsgefühl und dem Schaffen einer tiefgehenden Erinnerung.

Was danach passiert, hat mit Gehen nur noch wenig zu tun. Da passt dann eher die Beschreibung des einen Rezensenten auf dem Klappentext: eine Auslöschungsphantasie.

Werner Herzog lief im Winter 1974 von München nach Paris

Ein schönes Büchlein über das Gehen hat der Filmregisseur und Autor Werner Herzog 1978 veröffentlicht. Aus seinem Weg 1974 zur Filmkritikerin Lotte Eisner entspringt das Buch „Vom Gehen im Eis – München-Paris, 23.11. bis 14.12.1974“. Es liest sich leicht und schnell.

Herzog startete damals den Weg zu Fuß, um damit den prognostizierten Tod Eisners hinauszuzögern. Vielleicht wollte er ihn sogar verhindern – so sein Plan. In seiner Vorbemerkung schreibt er außerdem, dass er alleine mit sich sein wollte. Auch wenn er immer wieder Menschen traf, konnte er sein Vorhaben wohl die meiste Zeit über umsetzen. Er begann sogar mit sich selbst zu reden.

Anschaulich  beschreibt er die Strapazen, die solch ein Weg im Winter mit sich bringt. Vor allem der Regen, die Nässe, die im Raum stand, in Verbindung mit Kälte machte Herzog zu schaffen. Umso bemerkenswerter, dass er jeder Versuchung widerstand, das Gehen abzubrechen.

In den drei Wochen legte Herzog hunderte Kilometer zurück, die Luftlinie beträgt immerhin schon über 685 Kilometer. Im Durchschnitt lief er auf jeden Fall über 30 Kilometer am Tag, manche Nacht lief er sogar durch. Als Unterschlupf in der Nacht dienten nicht selten Scheunen, Rohbauten, Ferienhäuschen oder stillgelegte Bahnhäuschen.

Als er in Paris bei Lotte Eisner im Zimmer saß, sagte er dann: „Öffnen Sie das Fenster, seit einigen Tagen kann ich fliegen.“ Eisner lebte noch bis 1983.